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Das Modell Marbachshöhe
Blick auf die Marbachshöhe, ca. 2000

Die Kasseler Marbachshöhe ist ein Beispiel dafür, wie ein neues Viertel - unter Bürger/innenbeteiligung auf vielen Ebenen - mit Blick auf die Zukunft entwickelt werden kann. Viele der dort mittlerweile beheimateten Unternehmungen, Projekte und Initiativen haben mit ihrem innovativen Charakter eine Strahlkraft weit über die Grenzen ihres Viertels hinaus.
Die Planer/innen haben ihre Rolle seinerzeit als Wissensvermittler zwischen den unterschiedlichen Beteiligten gesehen. Der Städteplaner Urban Keller berichtet im Redaktionsgespräch davon, dass „alle daran Beteiligten dieses Projekt als ihr Projekt begriffen haben. Und alle waren stolz auf ihr Projekt.“ Das sei ein ganz großer Schlüssel zum Erfolg gewesen.
Die im folgenden dokumentierten Texte sind in der StadtteilZeit Marbachshöhe No. 5, Mai 2004, erschienen.

Interview mit Urban Keller, WOHNSTADT
seit 1992 als Stadtplaner bei der WOHNSTADT Stadtentwicklungs- und Wohnungsbaugesellschaft Hessen mbH, ab 1994/95 Masterplanung Hindenburg- und Wittich-Kaserne, seit 1996 verantwortlicher Projektleiter der Konversion Marbachshöhe.

SZM: Herr Keller, auf der Marbachshöhe hat sich mittlerweile ein Stück Stadt mit einer lebendigen Vielfalt entwickelt und die gelungene Kasernen-Konversion auf dem Areal der ehemaligen Wittich- und Hindenburg-Kaserne ist ein bundesweit beachtetes Modell. Welche Bedingungen mussten zusammenkommen, damit es mit der Marbachshöhe etwas werden konnte?
UK: Zunächst einmal die klassischen Bedingungen: es muss eine Planungsabsicht geben. In Kassel haben wir uns relativ schnell auf das damals noch neue Wort „Masterplanung“ verständigt. Masterplanung haben wir so begriffen, dass wir keine rein städtebauliche Rahmenplanung am grünen Tisch machen, die dann nach Fertigstellung bei der Stadt abgegeben wird, sondern die Masterplanung verlief von Anfang an unter Einbeziehung aller für die Entwicklung dieses Gebietes relevanten Rahmenfaktoren.
Wir hatten eine Planung, wir hatten natürlich auch Ziele, die wir umsetzen wollten, die jedoch von Anfang auf eine Realisierungschance ausgerichtet waren.

Planung im Dialog
Das Zweite war die Veräußerungserfordernis. Der Bund wollte, und er sollte verkaufen. Von daher war ein gewisser Zeitdruck da. Es gab - was heute sicherlich viel schwieriger wäre - eine ganze Reihe von Nachnutzungsinteressenten. Das reichte von einem, der sein Segelboot unterstellen will, bis zum großflächigen Einzelhandel, der die halbe Kaserne kaufen wollte. Das war ein ganz buntes Geflecht. Parallel zur Masterplanung haben wir eine Hotline geführt. Wir haben die Vorstellungen von Interessenten systematisiert, und auf mögliche Gebäude und Flächen, die uns für die Nachnutzung geeignet erschienen, hingewiesen. Planung, die Überprüfung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit und die Berücksichtigung und Förderung von Investoreninteressen liefen parallel. Man kann nicht eine Planung machen und irgendwann später dürfen die Investoren kommen, sondern es muss von Anfang an koordiniert im Dialog gehen. Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die da funktionieren mussten und die auch sehr gut funktioniert haben.
Zum Beispiel, dass die Stadt sich von Anbeginn sehr klar für eine hochwertige Quartiersentwicklung ausgesprochen hat und die Entwicklung des Gebietes während der gesamten Planungs- und Realisierungszeit intensiv begleitet hat. Wir hatten in den heißen Phasen nahezu jede Woche eine Arbeitsbesprechung beim damaligen Stadtbaurat Hellweg, bei der viele Details der entstehenden Planung besprochen wurden.

Nutzungsmischung als erstes Ziel
SZM: Wenn Sie jetzt mit einem gewissen Abstand darauf zurückblicken: was finden Sie gelungen auf der Marbachshöhe oder wo hat es vielleicht gehakt?
UK: Unser erstes Planungsziel „Nutzungsmischung“ hat sich wirklich ganz erfreulich umgesetzt; in Teilen noch viel weitergehender als wir es uns zu träumen gewagt hätten. Das Motto war: so unterschiedlich wie möglich, so ähnlich wie nötig. Wir wollten nicht nur Wohnungsbau, wir wollten keine reine Wohnsiedlung, wir wollten kein Gewerbegebiet, sondern wir wollten eine möglichst breite Mischung aller ein Stadtviertel ausmachenden Faktoren wie Wohnen, Leben, Arbeiten verträglich in dieses Gebiet bringen.
Wir wollten aber auch eine Tiefengliederung. Beispiel Wohnen: es sollte nicht nur öffentlich gefördertes Wohnen sein, nicht nur Eigentumswohnungen, sondern auch hier eine Mischung. Heute finden sich auf der Marbachshöhe alle Eigentumsformen in Neu- und Altbauten, die die öffentlich geförderte und frei finanzierte Mietwohnung, der Eigenheimbau und neu gegründete
Wohnungsbaugenossenschaften, die sich speziell für dieses Projekt gegründet haben. Wo gibt es schon so etwas?

Wohnverträgliches Gewerbe
Auch im gewerblichen Bereich war die Zielrichtung: Wohnverträgliches hochwertiges Gewerbe. Auch die frühzeitige Anfrage einer Tischlerei wurde von uns unterstützt, nachdem klar war, dass diese Tischlerei sich von den Lärm- und Abgasemissionen her wohnverträglich gestalten lässt. Das hat sich bewährt, in unmittelbarer Nachbarschaft hat sich Wohnen angesiedelt, sogar
Eigenheimwohnen. Was es damals noch nicht gab, war die Mobilfunkdiskussion.
SZM: Und der Tischlerei gegenüber haben sich die Künstler angesiedelt.
UK: Wir hatten die Erfahrung der Hasenhecke (in den achtziger Jahren umgenutztes Kasernengelände; Anm. d. Red.), wo es auch solche KFZ-Hallen gibt. Es gibt im Stadtraum Nutzungen, die man nicht so klar beschreiben kann, die aber ganz wichtig für einen Stadtraum sind. Wir haben damals gesagt, das ist irgendwie Hobby, Werkstatt bzw. Ateliers, das sind Unterstellmöglichkeiten. Solche Hallen würde man für eine zivile Nutzung nie neu errichten, aber sie waren vorhanden und konnten genutzt werden. Wir stellten uns vor, dass diese Hallen einzeln mit Wohnen gemeinsam genutzt werden könnten, Loft-Wohnungen beispielsweise. Glücklicherweise gab es eine ganze Reihe von Interessenten, so dass dann wirklich etwas wie eine Künstlerzeile entstehen konnte.

Die „Seelen der Marbachshöhe“
Hier konnte sich der Schwerpunkt, so etwas wie die „Seele der Marbachshöhe“ entwickeln. Anfangs hatten wir den Eindruck, die „Seele“ entwickele sich oben beim Rohrbachplatz, damals noch sehr massiv durch die neuen Genossen der Kaserna urbana geprägt. Vielleicht gibt es heute zwei Seelen.
Ich denke, dass diese Künstlerreihe, auch durch so ein Paradiesvogelgeschenk wie den Zirkus Rambazotti, eine wirkliche Bereicherung ist. Auch einen ökologischen Wochenmarkt kann man nicht planen. Man kann nur Rahmenbedingungen schaffen und mit den Leuten vielfach ins Gespräch kommen. Wir hatten mit den Initiatoren des Wochenmarktes, Dr. Schäfer und Dr. Hoppe, einige Gespräche bei uns im Haus, auch um das damals von ihnen initiierte Öko-Park-Projekt.
SZM: Viele Initiativen und Projekte waren auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Hat das gerade zusammengepasst?
UK: Es gab ganz viele begeisterte Gruppierungen und Initiativen, die unsere Planungsabsichten durch ihre Nutzungsabsichten unterstützten. Das hat dazu geführt, dass dieses zukünftige Stadtviertel relativ schnell bekannt wurde.
SZM: Ich denke da an die Jean-Paul-Schule, die Freie Schule, die Rasselbande. Leute, Projekte, die lange auf der Suche waren und auf der Marbachshöhe fündig wurden.
UK: Zu den ersten Mitinitiatoren gehörte das Technologiezentrum, aber auch schon die Freie Schule, Kind und Kegel und die Rasselbande, die von Anfang an Interesse an diesem Gebiet und an diesen Gebäuden hatten. Dann kam die Jean-Paul-Schule dazu. Da hatte man schon drei Bereiche, die ganz vielfältig waren. Dann kam sehr schnell die Tischlerei Prüfer dazu.

Vorbestand erhalten, qualitätvolle Freiräume...
UK: Das zweite Ziel der Masterplanung war, den Vorbestand als solches weitestgehend zu erhalten und weiter zu entwickeln. Wir wollten kein Tabula rasa machen. Wir wollten aus dem Gebiet - mit all seinen Restriktionen und Chancen - sich ein Stück Stadt entwickeln lassen. Dadurch würde es unverwechselbar, und es könnte eine zivile Nutzung der bisher streng militärischen Nutzung erfahren.
Wir betrachteten dies als eine Art Alleinstellungsmerkmal dieses Stadtteiles. In der Rückschau würde ich sagen: auch dieses Ziel hat sich bewahrheitet. Es ist ein unverwechselbares Stadtviertel entstanden. Der Bestand, der als erhaltenswert erachtet wurde, konnte auch erhalten und umgenutzt werden.
Das dritte Ziel war ein abgestuftes Konzept von nutzbaren Freiräumen. Der kleinste private Freiraum ist natürlich der private Garten. Die Planungsabsicht war eine straßenbegleitende Bebauung, sprich: die Gebäude stehen nicht quer, sondern entlang der Straße. Daraus ergibt sich ganz von selbst gegebenenfalls ein Vorgarten und ein rückwärtiger privater grüner Bereich.
Da muss man sagen, dass die Umnutzung auch in der Verantwortlichkeit der einzelnen Investoren lag. Wie man sehen kann, wurde unser Planungsziel nicht überall umgesetzt.

...und öffentliche Plätze als Ziele
Wir sind dafür eingestanden, auch öffentliche Plätze zu errichten, von denen es drei gibt. Speziell was den Wilhelm-Rohrbach-Platz betrifft, haben wir uns sehr viele Gedanken gemacht, allein schon über das richtige Planungsverfahren: die Beteiligung der hinzuziehenden Bewohner der Marbachshöhe und die Auswahl einer geeigneten Planung. Ich empfinde den Wilhelm-Rohrbach-Platz, der vom Planungsbüro pwf geplant wurde, mit seinen Nutzungsqualitäten sehr gelungen. Das gleiche gilt für den Spielplatz, der von dem Planungsbüro Gärten und Stadtgrün geplant wurde und für den schmalen Park an der Frankenstraße, vom Büro egl geplant.
Es gibt zwei Punkte im Bereich Freiräume und Wege, die ich für nicht optimal halte: Zu einem relativ frühen Zeitpunkt wurde der Marbachsgraben von der Marbachshöhe bezüglich der Realisierung abgetrennt. Wir hatten das im Masterplan noch als ein Gebiet gesehen, und als es zum städtebaulichen Vertrag kam, ergab sich durch die Vorstellung, der Marbachsgraben sei
wirtschaftlich nicht nutzbar, die Abtrennung. Die eigentliche Marbachshöhe endete fortan am Marbachsgraben, sprich am Landschaftsschutzgebiet. Das sehe ich als Fehler, weil auch der Graben Konversionsgebiet war. Diesen mit zu entwickeln hätte über die Maßnahme finanziert werden können.
Mit „zu entwickeln“ meine ich nicht eine intensive Nutzung, sondern eine sparsame Durchwegung, die Anbindung der Marbachshöhe auch nach Helleböhn, die es heute außer einem Fußweg an der Eugen-Richter-Straße nicht gibt.
SZM: Dort stehen heute die Stadtvillen?
UK: Wir sehen den Marbachsgraben als eine ganz große Qualität der Marbachshöhe. Daraus hat sich unser Vorschlag der Bauform dieser Stadtvillen ergeben. Wir wollten dort keine Abriegelung. Um eine deutliche Stadtkante zu formulieren sollte dort ruhig eine mehrgeschossige Bebauung sein. Aber auch den Menschen in der zweiten und dritten Reihe sollte der Blick und
Zugang zum Marbachsgraben ermöglicht werden, weshalb wir in Verlängerung der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Straßen jeweils einen kleinen öffentlichen Stichweg bis zum Marbachsgraben geplant haben. In der Masterplanung gibt es eine Verknüpfung dieser Stichwege mit einem Panoramaweg entlang des Marbachsgrabens.
SZM: Kommt der Panoramaweg hinter den Stadtvillen? Das scheint nicht klar.
UK: Der Panoramaweg war als durchgehende Fuß- und Radwegeverbindung von der Heinrich-Schütz-Allee bis hinunter zur Eugen-Richter-Straße geplant. Dies hätte einen kleinen Rundspazierweg den Panoramaweg entlang und unten im Graben zurück ergeben. Dies war gelungen geplant, ließ sich aber nicht umsetzen.

Nicht gesicherte Wegerechte in anderen Teilen
Als zweiten Punkt hatten wir eine ganze Reihe von Wegerechten geplant. Diese sind nicht gesichert und umgesetzt worden.
Beispielsweise ein Wegerecht durch das Technologiezentrum, so dass man vorn, bei diesem Törchen, auch mit dem Rad ebenerdig hätte wieder heraus fahren können. Es gab ein Wegerecht bei den GWH-Reihenhäusern, Ludwig-Erhard-Straße
in Richtung Wiegandsbreite. Dort befindet sich heute ein Privatweg mit “Betreten verboten“. Gerade für die Schüler/innen der Heidewegschule wäre das eine wichtige Verbindung. Für ein Quartier ist es ganz wichtig, dass Fußgänger kurze Wege haben.
Weiter unten gibt es einen öffentlichen Verbindungsweg zur Wiegandsbreite. Das wäre oben ebenfalls möglich gewesen und war ursprünglich von uns geplant. Aufgrund von Kosteneinsparungen ist dies an der Stelle zu Gunsten eines Wegerechtes eliminiert worden. Ein Wegerecht ist erst dann etwas wert, wenn es im Grundbuch gesichert ist. Dies ist nicht erfolgt.
Was wir baulich sichern konnten, das ist der Weg, der von der Ecke Marie-Calm-Straße am Sportplatz entlang zum Helleböhnweg führt. Das ist ein ganz wichtiger, viel benutzter Weg für Bewohner/innen und Besucher/innen der Marbachshöhe.
Ebenso wichtig ist der Fußweg entlang der Eugen-Richter-Straße neben der Straßenbahnline, der im Masterplan vorgesehen, im städtebaulichen Vertrag jedoch zunächst nicht berücksichtigt worden war. Das konnten wir in Übereinstimmung mit der Stadt und dem Bund dann noch revidieren.

Räume auch für Jugendliche im Quartier angedacht?
SZM: Die Arge Marbachshöhe, bestehend aus der GWG und der WOHNSTADT, ist für eine sehr qualitätsvolle Gestaltung und Umsetzung dieses neuen Quartiers, gerade was die Freiräume - auch für Kinder - angeht mit dem „Deutschen Spielraumpreis“ ausgezeichnet worden. Es leben auf der Marbachshöhe viele junge Familien mit kleinen Kindern. Wir haben mittlerweile auch einen großen Teil von Jugendlichen dort. Wo haben diese ihren Raum?
UK: Ich denke, dass auf der Marbachshöhe auch für Jugendliche Qualitäten vorhanden sind, gerade im Freiraumbereich. Das Erforschen des Marbachsgrabens ist sicher etwas für ältere Kinder, ebenso die Nutzung des Sportplatzes am Verkehrsschulgarten.
SZM: Was sehr viel genutzt wird, ist die Betonwanne auf dem Rohrbachplatz zum Basketball spielen.
UK: Die Betonwanne ist eine der vorzüglichsten Ideen des Planungsbüros pwf im Wettbewerb gewesen. Kurzer Exkurs: Um diesen Rohrbachplatz zu entwickeln hatten wir gemeinsam mit der Stadt eine öffentliche Veranstaltung durchgeführt, zu der wir
Anwohner und 6 Planungsbüros eingeladen hatten. Während der Veranstaltung gab es regelmäßige Führungen, die Anwohner konnten Wünsche äußern, Pläne schmieden und Entwürfe anfertigen. Das haben auch viele gemacht. Diese Ideen hat das Umwelt- und Gartenamt ausgewertet und die Auswertungen den 6 eingeladenen Büros mit an die Hand gegeben.
Diese haben innerhalb einer kurzen Zeit Stegreifentwürfe für die Planung dieses Platzes erstellt. Sie sollten die verschiedenen
Qualitätsmöglichkeiten dieses Platzes ausloten. Das Büro pwf, das dann den Zuschlag bekommen hat, hatte von den Anwohnern das Signal aufgegriffen: „Entsiegelt doch gar nicht den ganzen Platz und macht nicht eine ganze Grünfläche daraus. Eine versiegelte Fläche ist doch wunderbar, da kann man skaten, da kann man im Winter vielleicht sogar Schlittschuh laufen, da kann man Feste feiern.“ Es hat eine ganz andere Qualität. Das haben sie sich zu eigen gemacht gesagt: „Okay, eine Teerfläche wollen wir nicht erhalten, aber wir bauen einen Teil als versiegelten Platz.“ Der wurde noch eingefasst. Das ist wirklich ein wunderbares Beispiel. Also, dieser Platz ist auch für Jugendliche gut.

Toleranz gefragt
SZM: Wobei gleichzeitig auch Konfliktpotential entstand. Die Skater mussten ausziehen, weil sich eine Lärmbelästigungsproblematik entwickelt hat.
UK: Ja, das ist richtig. Nur umgekehrt: wir wollen eine gemischte Stadt. Und die gemischte Nutzung kann auch zu Konflikten führen. Die kann man nicht immer räumlich völlig segregieren, sonst hat man wieder die funktionale Stadt. Wo sich völlige Unverträglichkeiten entwickeln, muss man versuchen diese zu vermeiden, aber den Leuten auch eine gewisse Toleranz abverlangen. Denn der Vorteil ist das räumlich Verzahnte.
Die Planerin des Abenteuer-Spielplatzes, Frau Brechmacher-Ihnen, hatte den überdachten Eingangsbereich als Regen-Spielhaus für ältere Kinder gedacht - auch ein Raum für Jugendliche.
Dazu kommt, dass der Aktionsradius, je jugendlicher man wird, sich erweitert. Da ist eine Nahversorgung mit solchen Einrichtungen vielleicht nicht mehr so erforderlich. Es gibt den Spielplatz, den Rohrbachplatz, den Marbachsgraben, den Sportplatz. Und der Zirkus Rambazotti ist natürlich – wie bereits erwähnt - eine ganz phantastische Ergänzung.
SZM: Man kann sicherlich nicht sagen, da gäbe es keine Möglichkeiten. Aber ein Raum, in Richtung selbst organisiertes Jugendzentrum...
UK: Wer trägt so etwas? Es gab dort keinen, der sich als Träger angeboten hatte. Was nicht heißt, dass sich so etwas nicht noch irgendwann entwickeln könnte.

Viele Arbeitsplätze entstanden
SZM: Thema Arbeitsplätze: Es ist erstaunlich, was in dieser Richtung passiert ist. Allein die aktuellen Zahlen im Technologie- und Gründerzentrum: 550 Beschäftigte. Daneben ein Gros von unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und weiteren Firmen.
UK: Wir hatten im Jahr 2000 ermittelt, wieviele Wohneinheiten und Arbeitsplätze bei Endausbau entstanden sein werden. Es ergaben sich 680 Wohneinheiten und 1100 Arbeitsplätze. Das ist eine sehr schöne Mischung.

Planungsauftrag weitergehend aufgefasst
SZM: Im Gespräch wird immer wieder deutlich, dass Sie sich nicht lediglich auf einen reinen Planungsauftrag beschränkt haben.
UK: Wir haben unsere Arbeit viel weiter begriffen als man es hätte machen müssen. Zum Beispiel haben wir auf der entstehenden Marbachshöhe zwei große Feste organisiert. Beim ersten „Tag der offenen Tür“ im April 1997 kamen 5000 Leute. Es gab organisierte Rundfahrten, fast alle Gebäude waren geöffnet, Diskussionsforen, eine riesige Ausstellung der einzelnen sich ansiedelnden Investoren. Wir wollten genau dieses Entdeckergefühl vermitteln.
Und dabei gab es ganz viele Mitwirkende. Auch das Abschlussfest der Konversion im September 2000 war ein großer Erfolg.
Den Namen „Marbachshöhe“ haben wir erfunden: Marbachsgraben und Wilhelmshöhe macht Marbachshöhe. Für ein neues Stadtviertel ist ein geeigneter Name zur Indentifikation wichtig.

Neuland auch für den Bund
Es war auch - und das kann man gar nicht hoch genug würdigen - der Bund und dann in dessen Vertretung das Bundesvermögensamt hier in Kassel sehr aktiv. Nicht nur Flächenvermarkter zu sein, sondern sich auf diese Planung
einzulassen. Was hieß, dass dem Bund die Fläche nicht in einem Stück einfach abgekauft wurde, sondern der Bund bis zum Schluss in der Verantwortung blieb, bis das letzte Grundstück nicht nur verkauft, sondern auch erschlossen war.
Das war für den Bund ein bisher nicht eingeübtes Vorgehen. Aber ich denke, die Entwicklung eines Stadtteils ist eine große Verantwortung, für den ein hoher Aufwand gerechtfertigt ist.
Ein ganz wesentlicher Punkt zum Gelingen der Umsetzung der Ziele war das aktive Mitwirken des Bundes. Auch in so einem kleinen Detail wie der Ansiedlung des Kinder-Zirkus Rambazotti. Rambazotti trat auf und hatte kein Geld. Es gab andere Interessenten, die dieses Grundstück sofort gekauft hätten, die aber für die Nachbarschaft keine positiven Auswirkungen gehabt
hätten. Bis zum OB der Stadt Kassel haben ganz viele gesagt: „Das ist eine einmalige Chance, diesen Kinderzirkus dort ansiedeln zu können.“ Thema Nachbarschaft, Thema neue örtliche Integration, Thema Arbeitsbeschaffung bis zur gestalterischen Vielfalt. Diese Chance wollte man auf jeden Fall nutzen. So etwas lässt sich kaufmännisch nicht darstellen. Irgendwann ist der Bund darauf eingegangen.

Alle Beteiligten haben „ihr Projekt“ gesehen
Das sind Qualitäten, die sich ergeben haben, weil alle daran Beteiligten dieses als „ihr Projekt“ begriffen haben. Und das ist ein ganz großer Schlüssel zum Erfolg gewesen. Wir haben mit vielen Akteuren Kontakt gehabt. Sie haben es aus ihrer Sicht als „ihr Projekt“ begriffen. Das reichte von den Verantwortlichen der Stadtverwaltung und des Bundes über die vielen Initiatoren, Planer und Investoren bis zum ehemaligen Ortsbeiratsvorsitzenden Herrn Saure. Und alle waren stolz auf „ihr Projekt“. Das ist ganz prima gewesen. Die Suppe wurde gut, weil viele Köche mitgekocht haben.
Ich denke, die Arbeitsgemeinschaft Marbachshöhe hat ihre Rolle als Steuerer und Wissensvermittler zwischen den unterschiedlichen Beteiligten begriffen Diese Rolle ist nun ausgelaufen, und das ist richtig so.

SZM: Herr Keller, vielen Dank für dieses interessante Gespräch.