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Rückblick mit Ex-Oberbürgermeister Bremeier

Der Konversionsprozess der ehemaligen Wittich- und Hindenburgkaserne zu einem Stück gemischt genutzter Stadt wird heute als gelungenes Projekt gesehen – unumstritten war der Umbau zur Marbachshöhe und die damit verbundene Aufgabe des Garnisonsstandortes Kassels in seinen Anfängen keineswegs. Die StadtteilZeit blickt mit Wolfram Bremeier, seinerzeit Kasseler Oberbürgermeister, zurück. Der im folgenden dokumentierte Text ist in der StadtteilZeit Marbachshöhe No. 9, Juni 2005, erschienen.

Wolfram Bremier, Ex-OB im Gespräch mit der StadtteilZeit:

STZ: Herr Bremeier, als man begann darüber nachzudenken, die Kasseler Kasernen aufzugeben, waren Sie amtierender Oberbürgermeister der Fuldastadt. Warum hat man diese Frage diskutiert?
WB: Der Anstoß kam nicht von der Stadt, sondern von der Bundesregierung. Man muss sich in diesem Zusammenhang klar machen, dass in 1989 ein tiefer Einschnitt in die deutsche und europäische Geschichte geschah; heute weiß man das. Nach dem Fall der innerdeutschen Grenze in 1989 war die Welt völlig anders - auch die militärische. Der Bund beabsichtigte aufgrund der neuen geopolitischen Situation die Rüstungsausgaben zurückzufahren. Außerdem musste die militärische Strategie neu entwickelt werden. Die Grenze des „eisernen Vorhangs“ ging ja nun nicht mehr durch Deutschland, sondern war weit in den Osten verlagert. Es gab zu viele Kasernen und sie lagen obendrein am falschen Ort. Vor diesem Hintergrund hat der damalige Verteidigungsminister eine Standort- und Strukturdiskussion der Bundeswehr geführt. Diese Standortdiskussionen haben sich auch in Kassel und Nordhessen niedergeschlagen, schließlich waren wir damals ein bedeutender Garnisonsstandort.
Es gab Überlegungen, bestimmte Standorte komplett aufzugeben, während man andere verkleinern wollte. In Kassel wollte man eigentlich überhaupt keine militärischen Einrichtungen mehr unterhalten. Aber als „Trostpflaster“ sollte ein Bataillon von Homberg/Efze nach Kassel verlegt werden.
Das habe ich unter strukturpolitischen Gesichtspunkten nicht für sinnvoll gehalten. Wir können nicht für die Stadt Kassel isoliert denken, sondern wir müssen die nordhessische Region insgesamt als Arbeitsmarkt und Wirtschaftsraum denken. Innerhalb dieses Raumes macht es keinen Sinn, Arbeitsplätze zu verlagern, sondern man musste schauen, ob sich mit diesem Umstrukturierungsprozess der Bundeswehr nicht auch neue stadtentwicklungspolitische Chancen eröffnen.
STZ: Man könnte also sagen, dass die weltpolitischen Veränderungen sich bis auf die lokale Ebene herunter gebrochen haben?
WB: Absolut, das liegt auf der Hand. Damals sind schließlich die gesamte Kasernenanlage entlang der Druseltalstraße mit ihren drei Kasernen und die Graf-Haeseler-Kaserne aufgegeben worden.

Kein stadtgesellschaftlicher Konsens
STZ: Wie sind die Diskussionen verlaufen? Gab es zu diesem Thema einen stadtgesellschaftlichen Konsens?
WB: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Der erste Reflex war der, den wir immer haben, wenn sich etwas verändert. Wir wollen das Alte festhalten. Obwohl man in seinem Innersten weiß, dass sich Dinge ändern müssen, wehrt man sich zunächst dagegen. Ich fand, dass es besser ist, sich auf das Unabänderliche rechtzeitig einzustellen, um es noch mit gestalten zu können.
Daneben gab es noch solche schrägen Diskussionen über Bundeswehr- bzw. Militärfeindlichkeit. Auch das spielte bei bestimmten Diskussionen eine Rolle. Für mich war das überhaupt nicht entscheidend, denn meine Idee ist es nicht gewesen, die Bundeswehr abzuziehen. Die Frage war vielmehr: Was ist unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten für die Region sinnvoll?
Stadtgesellschaftlich gab es darüber keinerlei Übereinstimmung. Es gab eine ganz schwere Auseinandersetzung zu dieser Frage, und ich denke, dass die Mehrheit in Kassel ganz eindeutig gegen die Vorschläge war, die Kasernen aufzugeben, um innerstädtische Flächen für Stadtentwicklungsprojekte zu gewinnen.
STZ: Von heute aus betrachtet, gibt Ihnen die Geschichte mit Ihrer Vision, diese innerstädtischen Liegenschaften anders als mit Militär zu beleben, Recht. Die meisten Menschen dürften diese Entwicklung als einen Gewinn für die Stadt und für die Region betrachten.
WB: Das ist keine Frage, und das ist auch schön so. Heute präsentiert sich jeder mit dem Gelände. Mein Nachfolger hat dann die Realität erkennen müssen, denn die ursprüngliche Linie des Verteidigungsministeriums, Ersatz her zu bringen (aus Homberg/Efze, siehe oben), wurde von Stoltenbergs Nachfolger im Verteidigungsministerium, Volker Rühe, wieder aufgegeben. Wir hatten in der Zwischenzeit mehrere Diskussionen über Bundeswehrstandorte in der Bundesrepublik und es war absehbar, dass die Standorte immer stärker reduziert werden würden.
Wir sind auch an dieser Stelle schließlich nicht Verlierer der Wiedervereinigung gewesen, sondern ausgesprochene Gewinner.
Schon vor der „Wende“, aber erst recht nach der Wende 1989 hatten wir in Kassel einen starken Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. Wir hatten Probleme, ausreichenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen, und es gab wachsende Investitionsbereitschaft in Kassel. Insofern hatten wir durchaus ein Problem damit, rechtzeitig gute Flächen für Wohnen, Gewerbe und Dienstleistungen bereit zu stellen. Zusammen mit der enorm verbesserten Bahnanbindung – in 1991 wurde der neue ICE-Bahnhof in Betrieb genommen -.waren das gute Voraussetzungen für die Entwicklung der Stadt.
Der Kasernenstandort, die Verbindungsstraße, und natürlich die Druseltalstraße, hervorragend überregional erschlossen durch ICE und nahe zur Autobahnauffahrt, sind großartig geeignet für die erforderlichen Investitionen.
Wie sich heute zeigt, ist das für die Stadt eine vernünftige Entwicklung gewesen.
Wir hatten auch keine Angst vor dieser Aufgabe, weil die Stadt Kassel schon Erfahrungen mit Konversionsprozessen gesammelt hatte, bevor der Umbau der Kasernen an der Druseltalstraße begann. Denken Sie an die Hasenhecke. Dort befand sich eine Anlage, die noch wie 1945 war, nur dass Zivilbevölkerung wohnte. In den 80er Jahren haben wir unter meiner Federführung die Konzeption und den allmählichen Umbau der Hasenhecke zu dem Prunkstück begonnen, das es heute darstellt.

Stadtentwicklungspolitisch in Richtung Zukunft gedacht
STZ: Sie haben den Ball, der Ihnen zugespielt wurde aufgenommen und dann stadtentwicklungspolitisch in Richtung Zukunft gedacht?
WB: Ja, so würde ich das beschreiben. Wir haben uns im Rathaus nicht aus heiterem Himmel ausgedacht, die Bundeswehr hier abzuziehen. Wir haben immer ein gutes Verhältnis zur Bundeswehr gepflegt, und es ist mir menschlich nicht leicht gefallen, den Kommandeuren unsere Haltung nahe zu bringen.
Ich bin zu dem damaligen Divisionskommandeur, Herrn Estorf, der heute noch in Kassel lebt, gefahren und habe ihm meine Position erläutert. Sie können sich vorstellen, dass er sich darüber überhaupt nicht gefreut hat. Viele Leute, gerade auch von den Zivilbeschäftigten, kamen von hier. Sie haben ihre Häuser, ihre Wohnungen, ihre Familien und Verwandte hier gehabt und bei vielen Soldaten ist das ähnlich. Sie hatten das Gefühl, wir stellen ihnen den Stuhl vor die Tür. Das ist natürlich schwer zu ertragen. Es gab daher auch viele Proteste gegen meine Haltung.
STZ: Haben Sie sich innerhalb des Umfeldes, welches das mit entschieden hat getragen gefühlt oder standen Sie allein?
WB: Von der Stadt gab es dazu lediglich eine Stellungnahme, wenn ich mich recht erinnere. Diese Stellungnahme habe ich abgegeben. Auch innerhalb meiner Partei waren große Teile, wenn nicht gar die Mehrheit, gegen meine Position. Für diesen Alleingang habe ich ganz massive Kritik bekommen. Es wurde als Alleingang gesehen, und es war auch ein Alleingang, den ich nicht mit der Fraktion abgestimmt hatte - dementsprechend erfreut waren die Kolleg/innen natürlich.
Mir war völlig klar, dass es nicht funktionieren würde, wenn ich darüber einen breiten Abstimmungsprozess herbeigeführt hätte. CDU und FDP waren gegen diese Position und innerhalb der SPD hätte ich auch keine Mehrheit bekommen.
STZ: Sie konnten diesen Alleingang als Oberbürgermeister machen?
WB: Es war lediglich eine Stellungnahme zu einem Vorschlag vom Verteidigungsministerium. Dazu haben wir einen eigenen Vorschlag gemacht – Zähne knirschend hat die SPD dann ja gesagt.
Ich denke, dass man in so einer Funktion gelegentlich eine solche Verantwortung hat und sie dann auch wahrnehmen muss.
Das habe ich getan. Dieses Gewicht bringt man als Oberbürgermeister mit ein. Wenn eine Stadtverordnetenversammlung dann etwas anderes beschließt, dann tut sie das. Damit muss man dann auch leben. In einer solchen Frage muss man sich positionieren. Das gilt nicht für jede Frage, aber für wichtige Fragen schon.
STZ: Kann man sagen, dass Sie Ihre Vision in dieser Entscheidung getragen hat?
WB: Ja. Ich habe mit einer Reihe von einzelnen Vertretern aus dem politischen und dem wirtschaftlichen Raum gesprochen. Sie hielten das für eine vernünftige Geschichte. Aber so gern identifiziert werden wollten die meisten damit nicht. Mit öffentlicher Unterstützung durfte man nicht rechnen. Nur Herr Braun, der damalige IHK-Präsident hat mich öffentlich unterstützt, was ich sehr begrüßt habe.

Möglichkeiten zu gestalten und Potenziale für die Zukunft
STZ: Wie ist das für Sie heute, wenn Sie sich in den ehemaligen Kasernenarealen bewegen?
WB: Mir geht es gut dabei. Ich finde es schön, wie das dort geworden ist. Ebenso geht es mir, wenn ich über die Hasenhecke laufe.
Im kommunalen Bereich hat man manchmal Möglichkeiten, etwas zu gestalten oder mitzuwirken. Fast immer ist es nur ein Mitwirken, eine eigenmächtige Gestaltung gibt es nicht. Und wenn man daran entscheidend mitgewirkt hat, dann geht man gern hin und schaut sich das an. Das gibt ein gutes Gefühl.
Eine Voraussetzung dafür, dass es so gut gelaufen ist, war sicherlich – das darf man in seiner Bedeutung nicht unterschätzen - der Abschluss des städtebaulichen Vertrages zwischen Herrn Waigel, dem damaligen Bundesfinanzministers und meinem Nachfolge, Herrn Lewandowski und der damit verbundenen Möglichkeit das Gebiet peu à peu zu entwickeln. Das alles ist nach meiner Zeit gelaufen.
STZ: Gibt es aus Ihrer Perspektive Notwendigkeiten für eine weitere Entwicklung, beispielsweise der Brückenschlag nach Wilhelmshöhe?
WB: Da ist die Druseltalstraße, die schwer überschreitbar ist. Dieser ganze Stadtbezirk Marbachshöhe wirkt noch ein bisschen solitär. Man könnte sich auch vorstellen, dass die Verbindung stärker zu Helleböhn da wäre. Es muss ja nicht unbedingt nur zu Wilhelmshöhe sein.
Und dennoch glaube ich, dass die Trennung zu den anliegenden Stadtbezirken mehr an der sozialen Zusammensetzung als an den Straßen und sonstigen räumlichen Gegebenheiten liegt. Es gibt auf der Marbachshöhe eine Sozialstruktur, die nicht repräsentativ für die Stadt und auch nicht für die anliegenden Stadtteile ist. Eigentlich müsste das die Bewohnerinnen und Bewohner der Marbachshöhe reizen, von sich aus den Brückenschlag zu suchen.
STZ: Ist die Marbachshöhe nicht bürgerlich genug, als dass man eine gute Anbindung nach Wilhelmshöhe bekäme?
WB: Das kann sein, es ist ein ganz kreatives Völkchen, das mit den eher konservativen Hausbesitzern auf der anderen Seite vielleicht nicht so harmoniert; auf der anderen Seite aber auch wieder nicht mit den typischen Mietwohnungsbewohnern, wie sie in Helleböhn sind. Von daher fände ich es interessant nach dem sozialen Status zu schauen. Was man sicherlich nicht geschafft hat, ist eine soziale Durchmischung.
Wenn ich sehe, wie viele Künstler da sind, der Zirkus, die ökologischen Unternehmungen und so weiter, man hat das Gefühl, das ist eine relativ homogene soziale Schicht. Das ist meine Wahrnehmung von außen.
STZ: Es gibt auf der Marbachshöhe große Anteile öffentlich geförderten Wohnungsbaus. Vielleicht ist die äußere Wahrnehmung dieser Marbachshöhe, auch in den Medien, durch die Initiativen, von denen Sie sprechen, geprägt: die Künstlerzeile in den ehemaligen Panzergaragen, der Kind- und Jugendzirkus, die Freie Schule, die Jean-Paul-Schule, das Gesundheitszentrum, das Technologie- und Gründerzentrum – sozial innovative Unternehmen und Projekte...
WB: ... die für die Entwicklung dieses Stadtteils von großer Bedeutung sind und den Aufbau dieses Viertels enorm erleichtert haben. Diese Initiativen haben natürlich dazu beigetragen, dass die Marbachshöhe einen bestimmten Ruf bekommen hat – einen qualitativ anspruchsvollen Ruf.
Es bestehen im Umfeld der Kasernen noch zahlreiche Möglichkeiten für weitere Investitionen, z. B. entlang der Gleise auf suboptimal genutzten Flächen, aber auch entlang der Druseltalstraße. Man muss sich klar machen, dass wir in Kassel so gewaltige Flächenreserven nicht haben. Von daher fände ich es sehr vernünftig diesen Bereich für hochwertige industrielle, gewerbliche und Dienstleistungsnutzungen zu entwickeln. Diese werden sich nach meiner Einschätzung langsamer entwickeln als Wohnnutzungen, aber das Potenzial ist enorm.
STZ: Herr Bremeier, wir bedanken uns für diesen „Spaziergang“ durch die Marbachshöhengeschichte.

"Wenn Menschen in die Konversion geraten"

Der ehemalige Kasernenfeldwebel Lothar Jöckel mußte schon zwei Mal das „Licht ausmachen“. „Konversion“, die Umwandlung von militärischen Einrichtungen zur zivilem Nutzung, wird meist als rein technisch-organisatorischer Vorgang verstanden. Die Menschen bleiben dabei außen vor. Dabei waren in Kassel von der Auflösung der Kasernen über 4000 Soldaten und mehr als 300 Zivilbeschäftigte betroffen. Lothar Jöckel (53), der ehemalige Kasernenfeldwebel der Lüttich-Kaserne, mußte an seinem Arbeitsplatz schon „zwei Mal das Bundeswehr-Licht ausmachen“. Seit Juli 2004 ist Jöckel im Ruhestand.
Der im folgenden dokumentierte Text ist in der StadtteilZeit Marbachshöhe No. 8, März 2005, erschienen.

Interview mit Lothar Jöckel, ehemaliger Kasernenfeldwebel der Lüttich-Kaserne
STZ: Herr Jöckel, Sie waren von 1971 bis 2004 Soldat. War das Ihr Berufswunsch?
LJ: Überhaupt nicht, ich habe sogar überlegt, den Wehrdienst zu verweigern. Da hat mein Opa gesagt: Du bist doch ein totaler Zahlenmensch, das kannst Du bei der Bundeswehr gut unterbringen. Geh´ zur Artillerie, da kannst Du den ganzen Tag rechnen, bis Dir der Kopf raucht. Ich bin gelernter Großhandelskaufmann und arbeitete mit großer Begeisterung als Buchhalter...
STZ: ...als Buchhalter bei der Artillerie? Wie geht das zusammen?
LJ: Ein Geschoß soll ja nicht einfach so irgendwohin fliegen. Die Flugbahn eines Geschosses zu berechnen, „zu Fuß“, ohne Taschenrechner und PC, das ist sogar für regelrechte Zahlenfetischisten eine anspruchsvolle Aufgabe.
STZ: Sie waren zuletzt Stabsfeldwebel, das ist der zweithöchste Dienstgrad der Unteroffiziere. In Ihrer Funktion als Kasernenfeldwebel mussten Sie an der Auflösung der Lüttich-Kaserne von Berufs wegen mitarbeiten Die Schließung von Bundeswehrstandorten ist auch jetzt wieder ein hochaktuelles Thema. Wie war das, als Sie damals von der Auflösung Ihres Standortes erfuhren?
LJ: Das war 1991/92 in der Lüttich-Kaserne, betroffen waren damals ja alle Kasernen in Kassel. Da muss ich zunächst sagen, dass die Art und Weise, wie wir „von oben“ informiert wurden, vorbildlich war. Man hat uns schlüssig erklärt, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Bundeswehr in der alten Form einfach nicht mehr erforderlich war. Man hat uns das ausführlich begründet und nicht einfach gesagt: So, jetzt brauchen wir euch nicht mehr, Tschüs, war nett! Da könnten sich viele Manager von zivilen Großbetrieben ein Beispiel nehmen.

STZ: Soldaten sind Menschen. Packt man da sang- und klanglos sein Zeug zusammen und verschwindet?
LJ: Das war wirklich ganz schlimm. Uns allen ist damals klar geworden, dass die „Einheit“ nicht nur ein Fachbegriff für eine Truppenformation ist. „Einheit“ umfasst ja lauter einzelne Menschen, die untereinander vielschichtige Beziehungen, bis zu echten Freundschaften, aufbauen. Als uns klar wurde, dass es vorbei ist, war es auch mit dieser menschlichen Einheit vorbei. Allein in der Lüttich-Kaserne waren über tausend Soldaten stationiert, die mehr oder weniger in alle Winde zerstreut wurden.
STZ: Wie haben Sie und Ihre Kameraden das verdaut?
LJ: Die meisten haben das nie richtig verdaut, sondern in sich hineingefressen. Das war bei mir genau so, über seine Gefühle hat man damals nicht geredet. Ich war 1993/94 als Kasernenfeldwebel maßgeblich beteiligt, als die Lüttich-Kaserne plattgemacht wurde. Im September 1993 habe ich die Gebäude des Artillerieregigements 2 besenrein übergeben, nachdem ich das Licht ausgemacht hatte. Anschließend habe ich die Auflösung des Stabes der 2. Panzergrenadierdivision vorbereitet. Diese Division wurde im März 1994 abgewickelt.
Ich kann Ihnen sagen, dass ich mich noch nie in meinem Leben so beschissen gefühlt habe. Daher kann ich gut nachempfinden, was heute in den Köpfen der Soldaten und Zivilbediensteten in Arolsen, Wolfhagen oder Fuldatal vorgeht.
STZ: An welche Erinnerungen als Soldat denken Sie nicht gerne zurück?
LJ: Es gehört in Deutschland zum schlechten Ton, Soldaten pauschal in die rechte Ecke zu stellen. Da kann ich nur lachen, es aber nicht nachvollziehen. Wir hatten einen Batteriechef, der hieß mit Spitznamen „Räuberhauptmann“ und war in jeder Hinsicht ein toller Mensch. Dem wären wir alle in jeden Einsatz gefolgt. Seinen „Ehrentitel“ hatte er, weil er so rot gewesen ist, dass er noch heute viele SPDler links überholen würde. Er hat das nie verborgen und war hoch geachtet.
Ich habe zum Beispiel erlebt, dass Kommandeure ihren Soldaten geraten haben, die Haare länger wachsen zu lassen, damit sie nicht mit den „Glatzen“ in Verbindung gebracht werden konnten. Besonders schlimm wurde es für die Soldaten in Kassel, als die Nachrüstungsdebatte losbrach. Da wurde ich in der Straßenbahn bespuckt, weil ich eine Uniform anhatte. Ähnliche Pöbeleien erlebten viele Soldaten. In dieser Zeit wurde den Soldaten empfohlen, beispielsweise bei Arztbesuchen in der Stadt Zivilkleidung zu tragen.

STZ: Nun sind Sie ja an Ihrer ehemaligen Wirkungsstätte geblieben: Sie unterstützen Günther Reeb (in Kassel besser als „Eppo“ bekannt), tageweise bei der Organisation in seinem Lokal „La Cantina“. Wie geht es Ihnen bei Ihrer neuen Arbeit?
LJ: Ich fühle mich hier sehr wohl und freue mich, dass aus der Kantine für Mannschaften und Unteroffiziere ein Lokal geworden ist, dessen guter Ruf sich herumspricht. Vor allem freue ich mich, dass das Lokal zu einer Anlaufstelle für Vereine, Versammlungen oder private Feiern geworden ist. Hier kann ich organisieren, Pläne machen und vor allem mit unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten. Das ist einfach mein Ding. Was mich besonders freut: In letzter Zeit tauchen immer mehr „Ehemalige“ auf, schauen mich mehr oder weniger erstaunt an und sagen: „Mensch, das ist doch der Jöckel! Was machst Du hier?“
STZ: Würden Sie heute noch einmal in die Bundeswehr eintreten?
LJ: Mit Sicherheit nicht. Die Lage war schon vor zehn Jahren so verworren, dass sich niemand mehr auskannte. Daran hat sich nichts geändert, weil die Auftragslage der Bundeswehr immer undurchschaubarer wird. Vielleicht können junge Leute mit einer anderen Einstellung in so einer Lage arbeiten, ich könnte es nicht. Diese jungen Menschen, die heute in die Bundeswehr eintreten, bewundere ich irgendwie für ihren Mut.
STZ: Herr Jöckel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Helmut Mederle.

"Von der Reithalle nach Stalingrad"

von Walter Schulz
StadtteilZeit Marbachshöhe No. 7, Dezember 2004

Es war im Sommer 1936, als mich mein Vater in der Jägerkaserne in der Bosestraße an die Hand nahm und mich, am Wehlheider Friedhof vorbei, zu den neuen Kasernen am Hasselweg und der Druseltalstraße führte. Er wollte mir die Kantine in der Wittich-Kaserne zeigen, die er nach Ablauf seiner zwölfjährigen Dienstzeit in der Reichswehr übenehmen sollte. In den Räumen pinselten, sehr eindrucksvoll, Kasseler Kunstmaler in pittoresken Farben die Schlachten Friedrich des Großen an die weiß gekalkten Wände.
Überall turnten noch hunderte von Bauarbeitern auf den Holzstangengerüsten herum, aber das riesige Areal der drei neuen Kasernen stand unübersehbar kurz vor der Vollendung. Links vom Hasselweg die Lüttich-Kaseme (Namensgeber war - zeitgemäß - die Eroberung der belgischen Stadt 1914 durch die kaiserlichen Truppen), rechts davon die Hindenburg-Kaserne zu Ehren des ehemaligen Generalfeldmarschalls und Reichspräsidenten und oben eben die Wittich-Kaserne, benannt nach einem verdienstvollen Haudegen aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71.

„Wahrung alt-kurhessischen Soldatengeistes“
Mit großem Tschingderassassa unter der Stab des kasselweit bekannten Heeres-Musikführers Steinkopf, mit Fahnenweihen und Stechschritt des neu formierten Infanterieregiments Nr. 15 wurden im Januar 1936 als erste die Lüttich- und die Hindenburg -Kaserne an die Truppe übergeben.
Mit martialischen Worten dokumentierte die „Kasseler Post“ am 25. Januar 1936 die Schlüsselübergabe an den damaligen Regimentskommandeur Oberst Behschnitt auf dem Exerzierplatz der Hindenburg-Kaseme: „Wir Kasselaner wissen, dass in den Reihen des Infanterieregiments 15 die Wahrung alt-kurhessischen Soldatengeistes, der in allen Kriegen sich bestens bewährt
hat, in guten Händen liegt für alle Zeiten, für ein großes Deutschland, ein Deutschland hoch in Ehren.“
Und der Herr Oberst dankte den Arbeitern der Stirn und der Faust für das „glänzende Werk deutscher Schaffenskraft“, mit dem auch endlich die Wehrfreiheit wiedergewonnen sei; was immer das ist.
Bei präsentiertem Gewehr und dem Kommando „Hißt Flagge“ wurde das Hakenkreuzpanier vor dem Stabsgebäude hochgezogen. Dann gab's von der Feldküche „Bohnen mit Speck“. Mahlzeit.

1938 in die Tschechoslowakei, 1939 nach Polen
Sechs Jahre war ich alt, als die „Fünfzehner“, wie sie in Kassel genannt wurden, 1938 zum „Blumenkrieg“ in die Tschechoslowakei auszogen. Ein Jahr später wurde es emst. Ende August marschierte das Regiment nach Polen, der Zweite Weltkrieg begann. Eines weiß ich noch: Das war kein Abschied mit Hurrah und Blumensträußen in den Gewehrläufen, das war spürbar eine todernste Angelegenheit. Und wie sich gezeigt hat: Von den rund 3000 „Fünfzehnem“ sind über die Hälfte gefallen, das Regiment ging in Stalingrad zugrunde. Das später vollmotorisierte Regiment Nr. 15 hatte bei seiner Indienststellung 1936 noch eine Reiterstaffel, die zwischen der Hindenburg- und der Wittich-Kaseme platziert war. Ich erinnere mich an die Hundertschaft von Pferden, an das veterinärische Lazarett, wo kranke Vierbeiner wieder auf die Hufe für den Endsieg gebracht wurden und an die prächtige Reithalle.
Komischerweise ritt noch Ende des Krieges der Batallionskomandeur in der Wittich-Kaseme, Karl Damm, täglich auf weissem Rosse zum Frühsport auf die Dönche. Wo schlussendlich am 3. April 1945 die amerikanischen Truppen aufmarschierten und das gottseidank nicht verteidigte Kassel besetzten.
Ganze 70.000 Überlebende gab es noch in der Trümmerstadt, deren Einwohnerzahl von 100.000 im Jahr 1900 auf 217.000 im Jahr 1939 geklettert war. Nach dem letzten - und vierzigstem - Bombenangriff auf Kassel am 21. März 1945 setzten die Nazis noch einen grauenvollen Schlusspunkt unter die Gräuel des Krieges. Am Bahnhof Wilhelmshöhe erschossen sie ohne Gerichtsverfahren 77 italienische und einen russischen Zwangsarbeiter, die sich aus einem zerschossenen Wehrmachtszug Lebensmittel besorgten, was zuvor schon hunderte deutsche Zivilisten getan hatten. Ihr Denkmal steht am Ende des Backmeisterweges.

Zivilisatorisches Musterexemplar des neuen Jahrtausends
Die heute noch geläufigen Flurnamen - Dönche, Wiegandsbreite, Helleböhn und Süsterfeld sind übrigens schon auf einer GeneralstabsKarte verzeichnet, die hessische Offiziere im 18. Jahrhundert huldvoll ihrem Kurfürsten dezidiert hatten.
Warum 1943 bei dem mörderischen BombenAngriff auf Kassel 1943 - 10.000 Tote - die mit Soldaten vollgepackten Kasernen nicht angegriffen wurde, lag an der Strategie des Britischen Lufttnarschalls Harris - auch Bomber-Harris genannt - , der auf die Zermürbung der Zivilbevölkerung setzte. Wie wir heute wissen, war das ein grausamer Irrtum.
Die ersten Bomben auf die Kasernen, und zwar längst nicht so viele wie auf Kassels Wohngebiete und Industrieanlagen, fielen erst 1944 und 1945. Ein Grund dafür, dass sehr bald nach dem Krieg in den drei Kasernen auf der heutigen Marbachshöhe die Werkkunstschule, die Werkakademie, das Landes- und Amtsgericht, die belgische Armee ab 1952, die Orthopädische LandesKlinik, die Wilhelmsschule,- später der Bundesgrenzschutz und ab 1956 die Bundeswehr hier ihr Quartier fanden.
Aus Schießständen wurden Spielplätze, aus Panzerhallen Garagen, aus wehrsportlichen Anlagen Schulen und Begegnungsstätten. Die Marbachshöhe - ein zivilisatorisches Musterexemplar des neuen Jahrtausends.